Essentielle und Nicht-Essentielle Aminosäuren: Eine andere Sichtweise – Teil 3

Teil 1 schon gelesen?

Teil 2 schon gelesen?

Während manche Aminosäuren wichtig sind für Haut und Haare, unser Nervensystem unterstützen oder kräftige Muskeln bilden können, dienen andere als “Stress-Benzin“ oder entfachen sogar in unserem Körper ein entzündliches Leuchtfeuer. Einige unter ihnen gelten dabei sogar nach derzeit aktueller Sichtweise als “essentiell“, sprich sie sollten unbedingt regelmäßig und ausreichend über Nahrung zugeführt werden. Dass sie jedoch unter anderem unseren Stoffwechsel negativ beeinflussen, Neurotransmitter aus der Balance schubsen und sogar Enzyme zersetzen können, ist wenigen bekannt. Aminosäuren haben stets und in angemessener Dosierung ihre physiologische Funktion. Doch in unserer heutigen Zeit, voller verarbeiteter Nahrungsmittel und künstlicher Hektik ist nur noch schwer zu sagen, ob wir auf der einen Seite genug, aber auch auf der anderen Seite die richtigen Nährstoffe bekommen. Folgende Aminosäuren sollten dabei mit Vorsicht gehandhabt werden. “Essentiell“ hinsichtlich Gesundheit wäre wohl eher etwas anderes und als Supplement sind folgende Eiweißbestandteile eher fragwürdig.

Struktur bestimmt wohl auch hier die Funktion...

Weniger relevante, potentiell negative (nicht-essentielle) Aminosäuren

Alanin: Funktion und Wirkung

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Alanin ist an sich nicht sonderlich spektakulär als Supplement für den Menschen. Alanin ist leicht über die Nahrung aufzunehmen und kann ebenfalls vom Körper selbst synthetisiert werden. Alanin ist gedanklich vergleichbar mit einer Energiewährung in Form einer Aminosäure, die bei Bedarf vom Körper in Pyruvat und Glutamat umgewandelt werden kann [1]. Das Pyruvat kann dann wie Glukose in ATP umgewandelt werden. Aus diesem Grund gibt es einige Studien, die Alanin als mögliches Glukose-Substitut bei Stoffwechselerkrankungen wie Diabetes Mellitus Typ 2 in Betracht ziehen – jedoch nicht unbedingt mit eindeutigen Erfolgen [2]. Worüber wir jedoch vor allem durch Alanin etwas lernen können, ist die Verwendung von Aminosäuren unter Belastung. Steht dem Körper aufgrund eines generellen Energiemangels, schlechter Organfunktion (Beispiel: Leber) oder ähnlichen Gründen keine leicht zugängliche Energie zur Verfügung, kann durch Stresshormone wie Cortisol die Zersetzung von Aminosäuren in Glukose bzw. Pyruvat stimuliert werden [3]. Da das jedoch aufgrund von einem erhöhten Cortisolspiegel, einer Zunahme des anregenden Neurotransmitters Glutamat und dem Zersetzen von Gewebe keine so gute Sache ist, sollte schnell deutlich werden. Während dieser Mechanismus sicherlich unter Umständen das Überleben sichern kann, sollte selbst bei Stoffwechselerkrankungen mit einem solchen Energiesubstrat vorsichtig als Supplement umgegangen werden.

Cystein: Funktion und Wirkung

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Cystein ist keine essentielle Aminosäure. Unser Körper kann sie selber aus Methionin herstellen und das ist auch gut so. Cystein in angemessener Dosierung ist ein wichtiger Baustoff für unterschiedliche Funktionen im Körper. Auf der einen Seite wird er benötigt, um Glutathion – ein bekanntes Antioxidans – zu produzieren. Außerdem scheint Cystein Schwermetalle im Körper zu binden und ihm bei Entgiftungsprozessen unterstützen zu können. Vor allem aber wirkt Cystein als zentrales strukturgebendes Bindeglied für Eiweißstrukturen, um ihnen ihre typische spiralförmige Struktur zu geben [1]. Warum hat also Cystein nicht einen Platz unter den “neuen essentiellen Aminosäuren“? Die Erklärung ist relativ simpel. Während Cystein in physiologischer Dosis viele durchaus positive Effekte auf den Körper hat, sorgt es im Übermaß für das Auflösen von Eiweißstrukturen [2]. Damit kann es unterschiedliche Enzyme und Organe im Körper negativ beeinflussen und langfristig sogar für signifikanten Schaden sorgen. Auf eine ähnliche Art und Weise funktioniert NAC – ein Schleimlöser. Durch eine hohe Cystein-Dosis kommt es zu einer Auflösung des Schleims, um ihn im Anschluss besser aus dem Körper zu transportierten. Ähnliche auflösende Effekte wurden aber unter anderem auch bei Schilddrüsenhormonen und anderen Systemen des Körpers beobachtet [3,4]. Das ist natürlich nicht wünschenswert und potentiell schädlich.

Aus diesem Grund und vor allem, da Cystein aus Methionin synthetisiert werden kann, zählt Cystein eher zu den schädlichen Aminosäuren, von denen wir insbesondere als langfristiges Supplement, wahrscheinlich die Finger lassen wollen.

Methionin: Funktion und Wirkung

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Methionin gehört allgemein zu den essentiellen Aminosäuren. Wir müssen es als Grundbaustoff zu uns nehmen. Viele weitere Aminosäuren werden durch den Körper aus Methionin gebildet. Dazu gehört unter andere auch Cystein. Damit besitzt Methionin sicherlich seine relevanten Funktionen im Körper. Einen eigentlichen Bedarf jedoch zu decken ist nicht schwer, denn die meisten eiweißhaltigen Nahrungsmittel enthalten Methionin als Teil ihrer Zusammensetzung. Erstaunlich ist jedoch, dass Methionin in der Wissenschaft recht gut bekannt geworden ist im Zusammenhang mit erhöhter Lebenserwartung – jedoch eher dadurch, dass sie Tieren vorenthalten wurde [1]. Auch beeinflusst Methionin unsere Schilddrüse. Steht der Körper unter Stress, ist Methionin schnell durch entstehendes Peroxinitrit oxidiert. Um jedoch wieder reduziert zu werden, benötigt Methionin das aktive Schilddrüsenhormon T3 [2].  Dieses wichtige Hormon für Schilddrüsenfunktion ist jedoch dann nicht mehr da, um unseren Stoffwechsel zu unterstützen.

Damit ist Methionin grundsätzlich wichtig, ein Bedarf leicht zu decken und eine exzessive Zufuhr tendenziell schädlich. Die Studien an Tieren, die eine erhöhte Lebenserwartung durch Methionin Restriktion erhielten unterstreichen das Bild. Weiterhin gibt es noch Vermutungen zu Methylierungsprozessen – das ist jedoch besser im vollen Artikel zu lesen.

Cystein: Reduktion und Oxidation und ihre Effekte auf Struktur und Funktion

Histidin: Funktion und Wirkung

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Histidin und Histamin sind zwei sehr ähnlich klingende Worte und tatsächlich braucht es nur einen einzigen Reaktionsschritt, um aus der essentiellen Aminosäure diesen bekannten und zum Teil gefürchteten Neurotransmitter für entzündliche Prozesse, Unverträglichkeiten und immunologischen Abwehrreaktionen herzustellen [1]. An sich ist jedoch Histamin nichts unbedingt Schlechtes, sondern ein wichtiger Bestandteil der körpereigenen Hausapotheke. Problematisch wird es erst, wenn chronisch oder akut ein Übermaß besteht. Aus diesem Grund wird auch schnell deutlich, warum Histidin nicht unbedingt sinnvoll als Supplement ist. Vor allem, da wir in der Regel jegliches nötige Histidin durch eine gewöhnliche Nahrung zu uns nehmen können. Neben der Produktion von Histamin, wird Histidin auch vom Körper verwendet, um Glutamat zu produzieren [2]. Aus diesem Grund kann recht schnell erkannt werden, dass Histidin – neben seinen physiologischen Bedeutungen für den Körper – primär ein stimulierendes und oxidierend wirkendes Potential besitzt. Durch Histidin und seine Metaboliten bekommen wir die Werkzeuge, um angemessen auf Belastungen reagieren zu können. Es aber in einer Welt voller Stimulierung, Schwermetalle und Stress als Nahrungsergänzung zu verwenden, wäre wohl durchaus bedenklich.

Manche Aminosäuren können im Übermaß entzündliche Feuer im Körper entfachen!

Tryptophan: Funktion und Wirkung

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Tryptophan gilt als essentielle Aminosäure und spielt definitiv seine Rolle im Körper. Schließlich wird aus Tryptophan unter anderem der Neurotransmitter Serotonin und das Hormon Melatonin gebildet. Während also Tryptophan durchaus eine Rolle für den Körper spielt, ist sie jedoch unter einigen Umständen durchaus problematisch. Auch ist bekannt, dass viele verschiedene Erkrankungen mit dem Tryptophan-Metabolismus interagieren – darunter Diabetes Mellitus Typ 1 und 2 [1]. Vor allem aber ist die Bezeichnung des Neurotransmitters Serotonin als “Wohlfühl-Hormon“ etwas fehlleitend. Im vollen Artikel wird deutlich, dass die Funktion von Serotonin eher in Richtung Rückzug, Reduktion von Wahrnehmung und potentieller Regeneration zu gehen scheint. Solch ein Effekt kann durchaus angenehm sein, vorausgesetzt wir befinden uns in einem entsprechenden Umfeld. Unter hoher Reizstimulierung durch Lichter und Alltag wird daraus eher ein Stressor – vor allem, da eine erhöhte Produktion von Serotonin unsere energetische Leistungsfähigkeit zu reduzieren scheint [2]. Damit alleine ist Tryptophan eine eher problematische Aminosäure, auch wenn sie durch unsere Nahrung aufgenommen werden muss und einige physiologische Funktionen besitzt. Gut zu wissen aber, dass wir sie recht leicht durch die Nahrung uns zuführen können. Nicht umsonst verbinden viele Menschen Truthahn mit Tryptophan. Viele eiweißhaltige Nahrungsmittel wie Fleisch, Geflügel und Fisch sind reich an Tryptophan. Es aber zu supplementieren könnte noch aus anderen Gründen eher problematisch werden. Diese sind im vollen Artikel zu finden.

Arginin: Funktion und Wirkung

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Arginin als semi-essentielle Aminosäure hat in der Wissenschaft einen interessanten Weg hinter sich. Sie ist bekannt dafür, im Körper die Produktion von Stickstoffoxid (NO) anzuheben. Der Gefäßerweiternde Effekt von NO sorgte auch dafür, dass diese Aminosäuren nicht nur als Bestandteil von Viagra, sondern auch als Booster in der Fitness-Industrie Verwendung fand (sogenannte NO-Booster). Lustigerweise ist jedoch Stickstoffoxid etwas, was unter anderem in Smog gefunden werden kann [1]. Als vor einigen Jahrzehnten Wissenschaftler Smog untersuchten, konnten sie recht zügig auf einige negative Effekte von NO auf den Körper stoßen. Erst als dieser Stoff eine Verwendung als Medikament auf dem Markt fand, veränderte sich das Bild in eine eher positive Richtung. Doch an sich ist NO im Körper für verschiedene Funktionen zuständig. Einige davon sind wichtig und physiologisch, andere sind zerstörerisch und durchaus schädlich im Übermaß.

NO in Zellen drosselt die Fähigkeit der Mitochondrien, Energie zu produzieren [2]. Physiologisch gesehen ist das durchaus sinnvoll, um die kleinen Organismen daran zu hindern, sich zu überarbeiten. Übermäßig präsent, sorgt NO jedoch für eine Menge Schaden, denn Energie – vor allem unter Belastung – ist für uns lebenswichtig. Auch als Bestandteil des Immunsystems hat NO eine Verwendung, die in ihrer Wirkweise einiges über diesen Stoff aussagt. Werden Zellen durch Fremdkörper überwältigt, setzen sie NO frei, um in einer Art “Explosion“ die Invasoren mit in den Tod zu reißen [3]. Das entzündliche Meer aus aggressiven Signalmolekülen ist jedoch in keiner Weise mit einem kontrollieren Ablauf zu vergleichen.

Die gefäßerweiternden Effekte von NO sehen sicherlich interessant aus, wenn man gerade damit beschäftigt ist, Gewichte zu stemmen. Doch für die eigene Gesundheit ist diese Aminosäure bestenfalls bedenklich. Mehr Informationen sind im ganzen Artikel zu lesen!

Zusammenfassung

Alle Aminosäuren sind wichtig für bestimmte Prozesse im Körper. Zu sagen, dass man manche von ihnen nicht braucht, sie vermeiden sollte oder dass sie dem Körper ausschließlich schaden, ist also so nicht richtig. Abgesehen davon ist es an sich kaum möglich, bestimmte Aminosäuren komplett aus einer natürlichen bzw. artgerechten Ernährung auszuschließen. Beißt man in ein Stück rotes Fleisch, nimmt man unweigerlich eine gewaltige Anzahl aller möglichen verschiedenen Eiweißbausteine in sich auf. Wer jedoch einen Blick auf Eiweißzusammensetzung unterschiedlicher Nahrungsmittel wirft, wird schnell einen Unterschied zwischen Ei und Truthahn oder Hering und Bohnen feststellen können. Damit lässt sich also durchaus sagen, dass es manche Nahrungsmittel gibt, die vielleicht unter bestimmten Umständen – z.B. bei Krankheit – besser geeignet sind. Insbesondere jedoch bei Nahrungsergänzungsmitteln sollte man genauer hinsehen. Natürliche Nahrungsmittel bestehen meist aus mehr als nur spezifischen zugesetzten Nährstoffen und können so eine völlig andere Wirkung entfalten. Wer sich jedoch beispielsweise einen Protein-Shake kauft, kann mit einem Blick auf diesem 3-Teiler schnell erkennen, ob das Produkt eine gute Idee wäre, oder eher nicht.

Quellenangaben: L-Alanin

  1. https://en.wikipedia.org/wiki/Alanine
  2. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/9090751
  3. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC425032/

Quellenangaben: Cystein

  1. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/11477077
  2. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC1252171/?page=6
  3. http://www.scielo.br/pdf/bjmbr/v33n3/3596m.pdf
  4. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/11059810

Quellenangaben: Methionin

  1. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/8001743
  2. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC5793233/

Quellenangaben: Histidin

  1. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC1703485/
  2. https://academic.oup.com/ajcn/article/85/5/1185/4633007

Quellenangaben: Tryptophan

  1. https://link.springer.com/chapter/10.1007/978-3-319-15630-9_7
  2. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/7875554

Quellenangaben: Arginin

  1. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC2565861/
  2. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/15923083
  3. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/18341206

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