Darm, Schwermetalle und Umweltgifte

Auf einen Blick

  • Unsere Darmflora interagiert mit einer gewaltigen Anzahl an Fremdstoffen, darunter Toxine, Schwermetalle, Süßungsmittel und selbst Toxinen aus der Luft
  • Schon in den frühen 1970er Jahren, wurde die Leistungsfähigkeit des Darms mit der der Leber gleichgesetzt, wenn es um die Verstoffwechselung von Toxinen geht
  • Toxine können Bakterien abtöten, ihren Stoffwechsel verändern, über Umwege wirken, oder im Darm zu Giften verarbeitet werden
  • Unser Darm, solange gesund kann uns ebenfalls vor manchen Giftstoffen schützen
  • Die Menge an Pestiziden, Farb- und Konservierungsstoffen etc. ist seit der Industrialisierung massiv angewachsen und steigt weiter
  • Hohe Qualität bei Nahrungsmitteln, eine artgerechte Lebensweise und ein kluger Umgang mit Müll, kann nicht nur vieles davon abwenden, sondern auch eine der besten Vorsorgemaßnahmen überhaupt sein.
Jede Menge Plastik

Wenn Bakterien Gift und Galle spucken

Wer in einem Supermarkt nach beliebten Produkten greift, ist sehr erstaunt darüber, was es alles auf der Zutaten-Liste zu entdecken gibt. Eine Tiefkühl-Apfeltasche besteht nicht nur aus Teig und Apfelstücken, sondern aus einem Roman komplizierter Bezeichnungen, die kaum einer noch überblicken kann. Die Verarbeitungsindtustrie ist in der heutigen Zeit ebenso ein fixer Bestandteil unserer konventionellen Ernährung und Trinkwasserversorgung, wie die Verwendung von Pestiziden und anderen chemischen Substanzen, egal ob es um das Fernhalten von Fressfeinden, Erhaltung von leistungsfähigen Böden, Konservierungsmittel, dem Abwasser von Industriewerken oder Verpackungen geht. Während sich in den Ozeanen immer mehr Fische mit Giftstoffen und sogar Spuren von Antidepressiva und Ähnlichem finden lassen [1], werden auf Schlachthöfen mit Massentierhaltung Tiere in engen Räumen gehalten, während sie durch Zusätze möglichst schnell schlachtreif und fett gemästet werden [2]. Selbst pflanzliche Nahrungsmittel sind belastet durch eine Vielzahl von Herbiziden und anderen Mitteln [3]. Dabei sind wir bei allen gerade erwähnten Missständen noch nicht einmal auf die Verwendung von weiteren Chemikalien und Verarbeitungsvorgängen bei der Nahrungszubereitung eingegangen. Alleine die Fettsäuren-Zusammensetzung bei Fleisch und Fisch wird durch hohe Erhitzung und Lagerung leicht oxidiert, was den konsumierenden Menschen am Ende selbst schadet. Es spricht viel für qualitativ hochwertige Nahrungsmittel – vor allem wenn man sich die Datenlage zu Toxinen und ihren unterschiedlichen Interaktionen mit unserem Darm und seinen Mitbewohnern genauer ansieht.

Synthetic chemicals currently used for diverse industrial and agricultural applications are leading to widespread contamination of the environment and their effects on human health are a global concern. Mounting evidence indicates that exposure to these environmental chemicals is one of the multiple environmental factors contributing to the development of several health disorders. In vitro, in vivo and epidemiological studies have, for example, linked human exposure to endocrine-disrupting chemicals to obesity, metabolic syndrome and type 2 diabetes.15 [Studie]

Zu behaupten, dass Toxin „A“ mit Bakterium „Z“ reagiert und dadurch Produkt „H“ entsteht ist laut heutigem Wissensstand nicht mehr möglich. Inzwischen weiß man, dass es mehrere Wege gibt, durch die bestimmte chemische Substanzen mit unserem Verdauungssystem und unserer Darmflora direkt oder indirekt interagieren. Während es auf der einen Seite leicht vorstellbar ist, dass Toxine im Darm mit Bakterien in Kontakt treten, aufgenommen werden und dadurch andere Produkte entstehen, können bestimmte Stoffe natürlich auch ein Gift für bestimmte Gattungen unserer Bakterien selbst, oder unsere Darmwand sein und so zu einer Dysbiose mitsamt ihren Beschwerden führen [4,5]. Auf der anderen Seite können aber auch Giftstoffe zuerst unbemerkt von unseren mikrobiellen Mitbewohnern durch die Darmwand in unseren Blutkreislauf gelangen, in der Leber verstoffwechselt oder gebunden werden und durch die Galle wieder in den Darm zurückwandern. Dort ist das gebundene Toxin auf einmal durch seine Form verwertbar und hat völlig andere Effekte [5,6]. So ein Prozess ist nicht leicht nachzuvollziehen und erschwert natürlich die wissenschaftliche Einschätzung des Schadens, den manche Stoffe in uns anrichten können. Vor allem, wenn die Leber selbst in ihrer Funktion zur Entgiftung eingeschränkt ist oder durch bekannte Pestizide in ihrer Funktion eingeschränkt wird. Zuletzt gibt es auch Aussagen in einigen Studien, dass Giftstoffe nicht nur durch ihre Verarbeitung im Darm schädlich wirken, sondern auch die Bakterien selbst durch Signale oder Effekte in ihrem Stoffwechsel beeinflussen und so die Nährstoffe, die wir aus unserer Nahrung ziehen, andere Effekte hervorrufen können.

Alle vier Mechanismen noch einmal im Überblick:

  1. Toxine können im Darm zu schädlichen Produkten verstoffwechselt werden.
  2. Toxine können durch den Darm zur Leber transportiert, dort gebunden und zurück über die Galle in den Darm transportiert werden. Dort werden sie nun erkannt und können in ihrem zweiten Durchlauf Schaden anrichten.
  3. Toxine können die Darmflora und unsere Darmwand inklusive Immunsystem direkt beeinflussen, indem sie für manche Bakterien tödlich wirken oder die Darmwand selbst schädigen.
  4. Toxine können die Funktion und Arbeit von Bakterien beeinflussen und damit die Nährstoffe, die wir aus unserer gewöhnlichen Nahrung gewinnen verändern.

Manche Giftstoffe sind uns allen bekannt. Während kaum ein Mensch Quecksilber im Überschuss verzehren möchte und Pestizide im Nachhinein vom Markt genommen werden, da deutlich wurde wie sehr sie Lebewesen schaden können und es viele Berichte über Trinkwasserverschmutzung gibt, werden gleichzeitig Luftverschmutzung, Farbstoffe, Süßungsmittel und weitere Quellen von vielen vernachlässigt. Daher ist es vielleicht sinnvoll, ein wenig genauer hinzusehen und einen Überblick über einige Stoffe zu geben. Eine vollzählige Darstellung aller Toxine wäre nicht möglich. Bereits 1973 wies Scheline in einer Studie darauf hin, dass die Darmflora mindestens so intensiv mit fremden Stoffen wie Medikamenten interagieren würde, wie die Leber selbst [7]. Während das zwar beeindruckend, jedoch überschaubar klingen mag, ist die tatsächliche Liste aller Interaktionen mittlerweile unüberschaubar lang [8]:

Haiser and Turnbaugh recently pointed out the relevance of the bioremediation literature; particularly as concerns the metabolism of environmental chemicals:20 a catalogue of microbial biocatalytic reactions on environmental pollutants currently lists almost 1,500 reactions carried out by 529 microorganisms affecting some 1,369 compounds.22 The GI microbiota is thought to be less diverse than that of soil environments,23 but these findings nevertheless suggest that the GI bacteria may have a significant, but underestimated, capacity to metabolise environmental chemicals.

Bei einer solchen Menge wird einem schnell klar, dass man in einer Großstadt selbst bei gesundheitsbewusster Ernährung noch genug weiteren Stoffe ausgesetzt ist. Umso wichtiger scheint es also, weitere Stressoren so weit möglich zu vermeiden. Wer jedoch meint, dass den Darm lediglich interessiert, was seinen Schlund durchwandert, der irrt.

Stoffe aus der Luft, darunter vor allem Smog und seine Bestandteile, dringen zwar zuerst in unsere Lungen ein, wirken jedoch systemisch. Nitrosylierte PAHs (Polyzyklischer aromatischer Kohlenwasserstoff) sind ein Beispiel eines solchen Stoffes, von dem bekannt ist, dass er genotoxische, mutagene und karzinogene Eigenschaften besitzt. Unter gewöhnlichen Umständen wird dieser Bestandteil städtischer Luftverschmutzung durch den gesamten menschlichen Organismus verstoffwechselt, während das Mikrobiom des Darms dabei stark beteiligt ist [9].

Luftverschmutzung

Wenn es um Schwermetalle geht, werden viele nicht nur an Zahnfüllungen denken, sondern vielleicht auch an Fisch. Nicht ohne Grund wird inzwischen empfohlen, bei regulärem Fischverzehr die Tiere am unteren Bereich der Nahrungskette zu verzehren. Wird ein Fisch durch einen anderen Räuber gefressen, nimmt dieser die Inhaltsstoffe – und damit auch die Toxine – seiner Beute mit auf. Vor allem eine Quecksilber-Belastung ist häufig ein Thema bei Fischkonsum. Ist aber Fisch deswegen giftig? Nein und es kommt darauf an, welche Qualität man zu sich nimmt. In einer Studie über Quecksilberbelastung durch Fischkonsum (

Bismuth is widely used in pharmaceuticals, cosmetics, catalysis, industrial pigments, alloys and ceramic additives. Faeces samples from human volunteers and isolated gut segments from mice can transform bismuth into its toxic volatile derivative trimethylbismuth ex vivoduring anaerobic incubation, whereas gut segments of GF mice are unable to perform this conversion.67

Natürlich findet so etwas nicht nur bei Schwermetallen statt. Vor allem bestimmte Pestizide wie Glyphosat wurden untersucht und unterschiedliche Ergebnisse wiesen darauf hin, dass neben der Produktion von Formaldehyd und Ammoniak manche Bakterienstämme durch das Pestizid selbst zugrunde gingen [13].

At least 3,000 azo dyes are used in the textile, paper, food, cosmetics and pharmaceutical industries. Five azo dyes are used as food colourants: Citrus Red No. 2, Allura Red, Tartrazine, Sunset Yellow and Orange B. These commonly used azo dyes have no adverse cytotoxic, mutagenic or carcinogenic effects. Other azo dyes, the Sudan dyes, are used in plastics, printing inks, waxes, leather, fabrics and floor polish. Although Sudan dyes are banned for food usage in most countries, they are illegally used to maintain the colour in food products. Human exposure to Sudan dyes and Para Red occurs through ingestion, inhalation or skin contact.

Die unzähligen Farbstoffe, die an der Herstellung unterschiedlicher Textilien, Nahrungsmittel und anderen Produkten beteiligt sind, sind besorgniserregend. Selbst wenn bestimmte Stoffe als ungefährlich bezeichnet werden, wurde häufig genug in der Menschengeschichte deutlich, dass sich eine solche Aussage später als falsch herausstellen kann (Beispiel: Asbest). So oder so wurde bereits bei den Sudan-Farbstoffen gezeigt, dass unsere Darmbakterien in der Lage sind, unterschiedliche Färbungsmittel zu verarbeiten und aus ihnen Aminosäuren zu produzieren, die als krebserregend eingestuft wurden [14,15]. Wie viele unterschiedliche Metaboliten tatsächlich bei einer Menge an über 3000 unterschiedlichen Farbstoffen entstehen, ist schwer abzuschätzen.

Zusammenfassung

Vermutlich könnte man diesen Artikel noch lange weiter fortsetzen. Deutlich wird zumindest, wie sehr wir uns selbst durch unsere moderne Welt ein Bein stellen. Unsere Luft, unsere Nahrung, unser Trinkwasser – alles zeigt mehr und mehr Spuren unseres doch teils recht bedenkenlosen Umgangs mit unserer Umwelt. Bilder gibt es genug, die auf die Plastikverseuchung der Meere hinweisen. Es bleibt abzuwarten (oder lieber nicht?), wie sich eine chronische Niedrigdosis an Umwelt-Chemikalien auf die folgenden Generationen auswirkt. Vor allem bei werdenden Müttern kann vermutet werden, dass das Kind im Bauch vielen Chemikalien ausgesetzt wird. Während man einigen schwer ausweichen kann, ist der kluge Griff nach hochwertigen Lebensmitteln nicht nur aufgrund der Nährstoffdichte eine gesunde Entscheidung für die eigene Gesundheit und die von Kindern. Die Datenlage und die großen Zahlen zu Toxinen sind sicherlich erschreckend. Alleine aber die Studie zu Fischkonsum und Schwermetallen zeigte, wie sehr wir durch eine artgerechte und hochwertige Ernährung unsere Körper nicht nur entlasten, sondern ihnen sogar helfen können. Langfristig müssen wir uns aber dennoch Gedanken machen über unseren verschwenderischen Umgang mit unserer Umwelt. Angefangen damit, dass wir unseren Abfall in Mülleimer werfen, Märkte unterstützen, die wenig Plastik verwenden und Nahrungsmittel kaufen, die natürlich enstehen und natürlich auf dem Kompost wieder verschwinden. Die Zukunft von Kindern zu verbessern, ist eine der besten Arten, präventiv und vorsorgend zu handeln!

Zuletzt noch ein Hinweis zu allseits beliebten Süßungsmitteln. Die süße Einbildung passiert nicht unbemerkt unseren Verdauungstrakt, sondern interagiert stets und zuverlässig mit unseren Bakterien. Während die direkten Wirkungen noch zur Debatte stehen, wird immer deutlicher, dass der Griff zu einem Diät-Drink und anderen Stoffen mit Sicherheit einen Effekt hat. Das gilt sicherlich nicht nur für Cyclamat. Vielleicht sollte man daher schon jetzt vorsichtiger mit solchen Mitteln umgehen.

Cyclamate is one of the most widely used artificial sweeteners in Europe. It is metabolised into cyclohexamine, which is thought to be responsible for the carcinogenic effect of cyclamate,78 an effect that resulted in the banning of cyclamate in the UK and the US, although this toxicity is still controvertial. Interestingly, cyclamate metabolism is inducible: cyclohexamine was detected as the main urinary metabolite of 14C-cyclamate in rats, rabbits, guinea pigs and humans, in individuals chronically consuming cyclamate before administration of the radiolabelled dose.79 Evidence implicating the GI microbiota as the site of cyclamate metabolism are numerous: cyclamate was found to be converted to cyclohexamine in vitro by the contents of the lower gut but not by the tissues of rats pretreated with cyclamate;80 rats given cyclamate in drinking water for several months became ‘converters’, excreting cyclohexamine, but this ability to convert cyclamate was lost when antibiotics were added to water.81 Many publications have extended these observations to humans,82 providing evidence that the GI microbiota is the sole site of cyclamate metabolism. [Studie]

Quellenangabe:

  1. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC4213591/
  2. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/books/NBK232573/
  3. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC4947579/
  4. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/22042266?dopt=Abstract&holding=npg
  5. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/22902524?dopt=Abstract&holding=npg
  6. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC3974587/
  7. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/4587548?dopt=Abstract&holding=npg
  8. https://www.nature.com/articles/npjbiofilms20163
  9. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/7821288?dopt=Abstract&holding=npg
  10. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/861407?dopt=Abstract&holding=npg
  11. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/626001?dopt=Abstract&holding=npg
  12. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/18378667?dopt=Abstract&holding=npg
  13. http://yourfunctionalmedicine.com/glyphosat-massenpflanzenhaltung-teil-1/
  14. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/22201895?dopt=Abstract&holding=npg
  15. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/19580882?dopt=Abstract&holding=npg

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