Ist Darmdiversität ein Zeichen für Gesundheit?

Auf einen Blick

  • Darmdiversität gilt als genereller Marker für einen gesunden Darm
  • Untersuchungen von einheimischen Völkern schienen diese Beobachtungen zu bestätigen
  • Untersuchungen bei Patienten mit Krankheiten wie Diabetes Mellitus Typ 2 verstärkten diesen Eindruck
  • Immer deutlicher wird jedoch, dass der Darm sich an das Umfeld adaptiert und stets, unter gesunden Umständen, seine Funktionen beibehält
  • Vor allem eine konsequente Stabilität des bestehenden Mikrobioms scheint ein Zeichen von Gesundheit zu sein
  • Neben Stabilität ist eine gewisse Diversität jedoch unerlässlich. Die Vorherrschaft einer Bakteriengattung zeigte reproduzierbar schädliche Effekte. Unabhängig davon, welche Bakterien untersucht wurden
Darm-Jungle

Darmdiversität & Stabilität: Was macht eine gesunde Darmflora aus?

Von allem ein bisschen. Darmdiversität (Vielfalt) scheint für die moderne Forschung des Mikrobioms eine der Säulen für ein gesundes Verdauungssystem zu sein [1]. Ureinwohner auf der gesamten Welt mit robuster Gesundheit besaßen eine große Vielfalt an mikrobiellen Mitbewohnern und bestätigen diese Sichtweise [2]. Immer mehr rückt der Gedanke in der Vordergrund, dass unsere Darmflora nicht aus einzelnen Bakterien, sondern einem interagierenden Komplex aus vielen voneinander abhängigen Einheiten besteht.

Doch wie wichtig ist diese Vielfalt wirklich und wie sicher sind diese Aussagen?

Während uns unser Mikrobiom unter anderem vor Pathogenen schützet, das Immunsystem reguliert, Nahrung verarbeitet und uns mit Nährstoffen versorgt, werden Dysbiosen bzw. eine Fehlbesiedelung oft mit Reizdarm, Übergewicht, Mangelerscheinungen und vielem mehr in Verbindung gebracht [1].

Doch was unterscheidet ein ungesundes Darmmileu von einem gesunden Aufbau der Darmflora?

Bis heute hat man auf diese Frage noch keine klare Antwort. Während man zwar Ähnlichkeiten bei Menschen in vergleichbaren Umfeldern finden konnte, sind selbst hier wieder Unterschiede zu finden – ganz zu schweigen von den Differenzen zweier “gesunder“ Menschen aus beispielsweise Amerika und Indien. Möglicherweise kann man sich dabei die Darmflora ein wenig wie einen tropischen Urwald vorstellen. Während man ein klares Bild vor Augen hat und sich jeder Dschungel in gewisser Weise ähnelt, sind sie doch nicht gleich. Ähnliches wird auch beim Darm vermutet. Während es viele Unterschiede von Mensch zu Mensch geben mag, könnten diese Unterschiede in der Darmflora dennoch eine ähnliche Funktion erfüllen. Möglicherweise abhängig und angepasst an die individuelle Situation und Umfeld. Einige wenige Bakterien wie die Gattung der Firmicutes und Bakteriodetes wurden bereits ausgiebig untersucht und unterschiedliche pro- und präbiotische Mittel, Stuhltransplantationen etc. wurden bereits in Behandlungen gezielt eingesetzt. Jedoch mit gemischten Ergebnissen [3,4,5,6]. In etwa so, als würde man als Probiotikum auf eine Siedlung Einheimischer im Darm treffen, die einen entweder auffressen, mit ansiedeln oder als Gottheit verehren.

Abgesehen von bestimmten Erkrankungen, die mit spezifischen bakteriellen Dysbiosen in Verbindung stehen, bleibt eine individuelle Vielfalt die Norm [7,8]. Ein gesunder Darm besitzt in jedem Alter ähnliche Aufgaben (mit Ausnahme von Schwangerschaft und Kleinkindesalter), obwohl unsere mikrobiellen Begleiter recht häufig während unserem Leben ihre Zusammenstellung ändern [7]. Während nun also auf der einen Seite Studien zeigen, dass eine artgerechte und regionale Ernährung und Kontakt mit der Außenwelt dem Körper helfen sich an sein Umfeld anzupassen, können wir bis heute kaum sagen, dass es “die“ gesunde Darmflora gibt. Wir sind uns schließlich alle ähnlich, während wir uns doch voneinander unterscheiden. Man kann in dieser Hinsicht nur empfehlen, möglichst häufig mit seiner Außenwelt in Kontakt zu treten und regional/artgerecht sich zu ernähren. War es das aber?

Nein. Schließlich sind unsere Darmbakterien ebenso auf uns angewiesen, wie wir auf sie. Neben der Vermeidung von Toxinen und Junk Food können wir Darmwand, Immunsystem und vieles mehr mindestens so stark beeinflussen wie unsere bakteriellen Freunde. Giftstoffe in unserer Umwelt, verschobene Zeiten und Lichtverhältnisse, Zeitdruck, eingeschränktes soziales Umfeld und vieles mehr können sowohl unsere bakterielle Vielfalt, als auch unser Immunsystem maßgeblich negativ beeinflussen und die Darmdiversität reduzieren [9,10,11]. Ganze Stämme synergieren oder konkurrieren untereinander, während bereits festgestellt wurde, dass sich das Mikrobiom beispielsweise durch unsere Ernährung binnen 24 Stunden komplett auf den Kopf stellen kann [12]! Daher ist es zwingend notwendig sich zu fragen, ob eine so diverse Darmflora überhaupt stabil gehalten werden kann [13]. Zumindest steht eine mikrobielle Eintönigkeit in keinem guten Licht und Untersuchungen von unterschiedlichen Versuchsgruppen konnten solche Vermutungen bis heute bestätigen [14]. Jedes Bakterium besitzt seine eigenen Produkte und ernährt sich von unterschiedlichen Nährstoffen. Nicht nur können durch bakterielle Kleinkriege in unserem Darm unterschiedlich große Menge an entzündlichen oder antientzündlichen Stoffen entstehen – stützen wir unsere Theorien auf die Lebensweise weltweiter Ureinwohnerstämme, ist so etwas schwer vergleichbar mit unserem Leben in industrialisierten Städten.

Wie weit können wir also unser Mikrobiom tatsächlich beeinflussen?

Sicherlich stimmt es, dass unsere Ernährung eine Rolle spielt. Alleine die Datenlage über kurzkettige Fettsäuren, die in unserem Darm aus unverdaulichen Ballaststoffen produziert werden, gibt darauf deutliche Hinweise [15]. Doch wurden auch unser Umfeld, die Luft, die wir einatmen, soziale Interaktionen, hormoneller Zustand und viele weitere Faktoren als Einflüsse erkannt. Während vor allem bei Erkrankungen wie Reizdarm, Colitis Ulcerosa, Morbus Chron und anderen schwerwiegenden Darmbeschwerden Diagnose und eine hochwertige Darmsanierung inklusive pro- und präbiotischen Mitteln Sinn machen können, wäre eine präventive bzw. leistungssteigernde Herangehensweise möglicherweise anders. Ist es möglich, Darmwand und Immunsystem so gut wie möglich zu unterstützen, während sich die Besiedelung ständig ändert? Können wir dem Darm den nötigen Raum und die Sicherheit geben, um so gut wie möglich mit seinem Umfeld zu interagieren? Schließlich wurden die neuronalen Verbindungen vom Darm zu unserem Gehirn bereits als zweites Gehirn bezeichnet und legen nahe, unser Verdauungsorgan in einer gewissen Art und Weise als Sinnesorgan zu bezeichnen [10].

Luftverschmutzung

Kritische Betrachtung

Eine artgerechte Ernährung, Bewegung und Lebensstil sind Grundlagen – nicht nur für einen gesunden Darm. Dennoch leben wir weder als Ureinwohner, noch haben wir bis heute den bakteriellen Code geknackt. Viele Menschen haben in der heutigen Zeit große Schwierigkeiten mit ihrem Immunsystem und einer chronischen Darmdurchlässigkeit. Je mehr Fremdkörper auf unser Immunsystem stoßen, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit einer Infektion oder einer möglichen allergischen Reaktion. Aus diesem Grund sollte bei einer hohen Vielfalt im Darm auch stets darauf geachtet werden, dass die Darmschleimhaut weitgehend gesund ist und unser Immunsystem weder aggressiv noch unterdrückt ist. Neben Kokosöl und Flohsamenschalen ist aber auch ein Überangebot an Eisen als potentieller Nährboden für opportunistische Bakterien eine gute Grundlage für Schäden im Darm. Bis heute scheint ein klug geführter Lebensstil jeder Pille noch als Grundlage zu dienen. Diversität ist gut – mit Stabilität aber noch deutlich besser!

Quellenangabe:

  1. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC3798924/
  2. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC4300188/
  3. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC3219377/
  4. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/24246341
  5. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC4824637/
  6. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/25002004
  7. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC3820059/
  8. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/23906633

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