Die Darmflora während der Schwangerschaft

Auf einen Blick

  • Während der Schwangerschaft wird das Baby bereits im Bauch der Mutter mit Bakterien konfrontiert
  • Insulinresistenz, Darmdysbiose und andere Zeichen von Erkrankung können bei einer Schwangerschaft bei der Mutter normal sein
  • Die werdende Mutter setzt sich und das Kind bewusst und möglichst kontrolliert entzündlichen und immunologischen Belastungen aus
  • Darmdurchlässigkeit und eine veränderte Darmflora hat unter diesen kontrollierten Bedingungen möglicherweise eine physiologische Aufgabe
  • Untersuchungen an Menschen und Mäusen deuten darauf hin, dass nicht nur während der Schwangerschaft die Darmflora sich an unseren Zustand anpasst und uns und unsere Kinder damit schützen kann – vorausgesetzt wir leben unter normalen Umständen
Kinder sind ein Mysterium

Wie Babys die Forschung auf den Kopf stellen

Bis vor kurzem waren wir der Überzeugung, dass das Kind im Mutterleib steril aufwächst. Obwohl bereits bei Frühgeborenen im Mekonium bakterielle Stämme entdeckt wurden, ging die heutige Wissenschaft davon aus, dass Babys im Bauch der Mutter kein eigenes Mikrobiom besitzen [1]. Dem ist jedoch nicht so. Das Fruchtwasser wird über das Blut der Mutter konstant mit Bakterien geflutet und setzt das Kind ständig mikrobiellen Einflüssen aus [2,3]. Diese Entdeckung setzt uns vor ein Rätsel. Vor allem, wenn man bedenkt, dass während der Schwangerschaft ein erhöhter Progesteron-Spiegel zu einer stärkeren Durchlässigkeit der Darmwand führt. Die grundsätzlich als schlecht angesehene Durchlässigkeit für Fremdkörper aus dem Darm wird in einer so kritischen Phase wie der Schwangerschaft offensichtlich bewusst von Müttern erhöht. Spielt die Evolution verrückt? Ist das nicht gefährlich?

Um darauf eine ausreichende Antwort zu geben, müssen wir etwas genauer hinsehen. Zonulin und eine Durchlässigkeit der Darmwand ist ein Millionen Jahre altes System unseres Körpers. Wie so oft gehen wir vielleicht fälschlicherweise davon aus, dass ein Mechanismus grundsätzlich „schlecht“ wäre. Alte körpereigene Systeme sind selten für sich alleine stehend schlecht, unnötig oder energieineffizient. Dennoch wird bereits an Medikamenten gearbeitet, die die Darmdurchlässigkeit einschränken soll (Larazotide acetate). Auch wenn dies für manche Krankheitsbilder in der heutigen Zeit vielversprechend klingen mag, ist es schwer zu sagen, welche langfristigen Effekte eine solche medikamentöse Behandlung mit sich tragen könnte. Insbesondere, wenn man bedenkt, dass während der Schwangerschaft die Mutter anscheinend absichtlich ihre Durchlässigkeit im Darm erhöht.

So seltsam es auch klingen mag, scheint der Sinn des Lebens wohl recht viel mit dem Erhalt und der Entwicklung unserer Spezies zu tun zu haben. Dementsprechend muss ein recht riskant erscheinender Mechanismus wie die Durchlässigkeit der Darmwand während der Schwangerschaft seine absolute Berechtigung besitzen. Warum wird das heranwachsende Kind im Bauch der Mutter fremden Bakterien aus der Umgebung ausgesetzt?

Da das Kind selbst noch kein funktionierendes Immunsystem besitzt, sind Viren, Bakterien und andere Fremdkörper potentiell gefährlich für den Nachwuchs. Doch verrückt spielt hier niemand und das Kind wird nicht fahrlässig Gefahren ausgesetzt. Das Immunsystem der Mutter sorgt fürsorglich für beide Lebewesen – die Mutter und das Kind – während der Schwangerschaft. Unter normalen Bedingungen sollte man auch davon ausgehen können, dass die wirklich pathogenen Fremdkörper vom Immunsystem der Mutter direkt am Darm selbst gestoppt werden. Jeglich toleriertes Überbleibsel aus dem Darm wäre damit möglicherweise eine notwendige Information für das Baby über das Umfeld, oder könnten ihre eigene Rolle in der Entwicklung des Kindes tragen. Wie sehr diese Auseinandersetzung mit Bakterien für das Kind relevant ist, kann man nur schwer einschätzen.

Endosymbiose als möglicher weiterhin bestehender evolutionärer Ansatz, wäre eine Möglichkeit. Eine damit verbundene epigenetische Adaption an das bevorstehende Umfeld wäre ebenfalls nachvollziehbar. So könnte die Darmflora und die Bakterien aus dem Umfeld der Mutter möglicherweise den Metabolismus und das Immunsystem des Kindes frühzeitig und abhängig vom Umfeld beeinflussen.

Die Geschichte endet hier jedoch nicht. Eine Schwangerschaft stellt noch weitaus mehr auf den Kopf.

Für ein ganzheitliches Bild benötigt man vermutlich auch einen ganzheitlichen Blick. Frauen neigen zu Gewichtszunahme, Veränderungen des Stoffwechsels, einer hormonellen Achterbahn, als auch zu Veränderungen des Immunsystems [4,5]. Wer hatte eigentlich einmal behauptet, dass Kinder kriegen einfach ist? Die Mutter muss mit ihrem Immunsystem einen Balance-Akt vollziehen, der auf der einen Seite das heranwachsende Kind mit seinem sich entwickelnden Immunsystem toleriert, jedoch auf der anderen Seite sowohl das Baby als auch die Mutter vor möglichen Infektionen bewahrt [6]. Das Verwirrende an der ganzen Geschichte scheint, dass die Schwangerschaft ähnliche hormonelle und metabole Veränderungen wie bei einem metabolischen Syndrom aufweist. Das Gewicht nimmt zu, der nüchterne Blutzucker steigt an, die Insulinsensitivität nimmt ab und Glukose wird schlechter vertragen. Obwohl die Schwangerschaft als anti-entzündlicher Zustand beschrieben wurde [5], “leiden“ Mütter häufig an einem schwach schwelenden entzündlichen Hormonspagat zwischen Schokoladenaufstrich und sauren Gurken [7,8,9].

Was passiert aber bei den mikrobiellen Untermietern der Mutter?

Während im ersten Trimester der Schwangerschaft noch alles beim Alten zu bleiben scheint, kommt es im Anschluss zu signifikanten Adaptionen. Nicht nur erhöht sich die Menge an Bakterien, auch die Darmflora selbst verändert sich in ihrer Zusammensetzung. Bestimmte Bakterien fangen an die Bereiche im Verdauungstrakt und Geburtenkanal zu dominieren, während andere Stämme stark reduziert werden. Anders gesagt: Die allseits als “gesund“ angesehene Diversität des Mikrobioms nimmt ab (eine sogenannte „alpha Diversität“) [10,11]. Während entzündungshemmende Bakterienstämme im zweiten Schwangerschaftstrimester deutlich reduziert vorkommen (wie bei einem metabolischen Syndrom), steigt im 3. Teil der Geburtengeschichte die sogenannte Beta-Diversität an. Dies sagt im Grunde genommen aus, dass sich die Darmflora der Mutter im Laufe der Zeit sehr stark verändert. Zu dieser Zeit kommt es häufig zu mehr oder weniger starker „Schwangerschaftsdiabetes“ (Insulinresistenz), Gewichtszunahme und erhöhten entzündlichen Markern [12].Wie kann es aber sein, dass so etwas ein physiologischer – oder normaler – Vorgang ist, den wir seit Ewigkeiten durchlaufen? Was ist das Geheimnis des letzten Trimesters?

Sie stellen alles auf den Kopf

Auch wenn die meisten Menschen vermutlich nicht viel von Mäusen und anderen Nagetieren halten, werden sie doch recht häufig und freudig für unsere Forschung verwendet. Mag man moralisch über diese Vorgehensweise denken, was man möchte. Die Ergebnisse sind zumindest recht zuverlässig und besitzen einen Interpreationsspielraum für die „menschlichen Laborratten“ (Wissenschaftler). So konnte mithilfe der kleinen Nager nachgewiesen werden, wie mächtig Veränderungen in der Darmflora eigentlich sind! Sterilen Mäusen wurde via Stuhltransfer das Mikrobiom von Mäusen im dritten Trimester implantiert. Prompt besaßen sie die weiter oben erwähnte Mischung aus Insulinresistenz, Gewichtszunahme und entzündlichen Prozessen [13]. Ohne weiter in diesem Text darauf einzugehen, scheint eine Art der Insulinresistenz und eine Gewichtszunahme normal, beziehungsweise gewünscht zu sein [14,15]. Sie soll die gesunde Entwicklung des Fötus sichern und es mit Nährstoffen versorgen. Ist also eine Gewichtszunahme immer gewünscht bei der Schwangerschaft? Nicht unbedingt. Bei Müttern, die bereits an Diabetes mellitus Typ 2 leiden, oder ein hohes Körpergewicht besitzen, sollte die Gewichtszunahme kontrolliert werden. Die Dosis macht das Gift [14,16].

Dank Kinderwunsches spielen Hormone, Stoffwechsel und Immunsystem verrückt. Letzteres benötigt aber noch eine ausreichende Erklärung. Wieso (abgesehen als Begleiterscheinung einer reduzierten Insulinsensitivität), steht eine schwangere Mutter bewusst unter entzündlichem Feuer bzw. einem chronisch leicht entzündlichen Zustand?

Wie bereits erwähnt, sorgt der hormonelle Umschwung der Mutter für eine erhöhte Durchlässigkeit der Darmwand. So kommen alle möglichen Fremdkörper in den Blutkreislauf und sorgen für erzwungene Höchstleistung des Immunsystems. Tatsächlich gibt es Studien, die die Hypothese aufsetzen, dass dieser bewusste Zustrom an Bakterien aus dem Darm dem Kind bei seiner eigenen Entwicklung des Immunsystems unterstützt. Bei Müttern, die während der Schwangerschaft mit Probiotika behandelt wurden, fand man positive Veränderungen der TLR-Gene (Toll-like-Rezeptorgene) in der Gebärmutter und dem Mekonium des Kindes [17]. Um nicht der Gefahr einer Infektion ausgesetzt zu werden, arbeitet das Immunsystem in dieser Situation härter als gewöhnlich, während das heranwachsende Kind ein eigenes Immunsystem aufbauen kann. Einen gleichen Artikel gab es über Mäusen, der diese These festigte. Die Jungen von keimfreien Mäusen wurden untersucht. Ein Teil von ihnen wurde mit probiotischen Mitteln behandelt und tatsächlich – der Nachwuchs der behandelten Mäuse schien eine erhöhte immunologische Genexpression als auch Immunabwehr zu besitzen [18].

Pups of colonized GF mothers showed increased numbers of intestinal group 3 innate lymphoid cells, F4/80+CD11c+ mononuclear cells, and increased epithelial antibacterial peptide gene expression „ (Studie)

Zusammenfassung:

Viele Symptome, die wir für gewöhnlich als pathologisch ansehen, sind in der Schwangerschaft möglicherweise gewollt, solange sie kontrolliert ablaufen. Leidet bereits jemand an chronisch entzündlichem Darm, Zuckerkrankheit oder einem gestörten Immunsystem, kann sich dies negativ auf den Nachwuchs auswirken. Erstaunlich dabei ist die Hilfe unseres Mikrobioms. Zeitlich genau abgestimmt, ändert es seine Zusammensetzung, schützt uns, verbessert unsere Nährstoffaufnahme und macht uns nebenher noch physiologisch insulinresistent. Für ein bisher unbeachtetes System hat es der Darm sprichwörtlich ganz schön in sich.

Dieser Bereich der Forschung liegt trotz frischem Rückenwind noch in einem recht unbekannten Feld der Wissenschaft. Sollten wir verstehen, warum bei einer Schwangerschaft die Mutter ihre Darmpforten für Bakterien öffnet und das Kind Fremdkörpern aus ihrer direkten Umgebung aussetzt, könnte dies relevante Einsichten in die Funktion der Darmdurchlässigkeit, Funktion von Bakterien und vielem mehr ermöglichen. Sollten die hier erwähnten Ansätze zur physiologischen Funktion einer kontrollierten Darmpermeabilität sich bestätigen, sollten auch einige bekannte Theorien über Zonulin möglicherweise überdacht werden. Stattdessen wäre es vermutlich angebrachter, andere Zusammenhänge zu untersuchen, bei denen Zonulin eine physiologische Rolle tragen könnte. Man sollte nicht vergessen, dass wir hier von einem Millionen Jahre alten Mechanismus reden, der bis jetzt noch nicht eliminiert wurde.

Quellenangabe:

  1. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/19783002/
  2. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/24223144/
  3. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/25232176/
  4. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/26317856/
  5. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/23661874/
  6. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC4943946/
  7. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/20367629/
  8. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/23661874/
  9. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/22523672/
  10. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/21986512/
  11. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/22863002/
  12. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/18842773/
  13. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/22863002/
  14. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/18370761
  15. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC4290225/
  16. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/24351583
  17. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/22776980/
  18. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/23083673/

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