Lactoferrin: Empfehlungen zur Einnahme

Auf einen Blick

  • Lactoferrin wird bei der Verdauung hauptsächlich durch den pH-Wert beeinflusst
  • Vor allem der Magen könnte Lactoferrin stark zusetzen
  • Lactoferrin in Kapselform schützt jedoch bis zu 100% des Produktes vor einer vorzeitigen Denaturierung
  • Abhängig vom persönlichen Ziel kann eine gewisse Zersetzung von Lactoferrin aber sogar hilfreich sein
  • Während intaktes Lactoferrin und eine nüchterne Einnahme den Eisenhaushalt stärker reguliert, wirken auch die Abbauprodukte von Lactoferrin stark antibakteriell und haben aus diesem Grund möglicherweise einen stärkeren Effekt bei Darmbeschwerden
  • In der Regel sind Verdauungsorgane am Morgen und mittags aktiver, weswegen die Einnahme zu dieser Zeit sinnvoller wäre
  • Generell kann man jedoch Lactoferrin in Kapselform jederzeit – zu Mahlzeiten oder auf nüchternen Magen – einnehmen und Effekte erwarten
Lactoferrin Verarbeitung

Lactoferrin: Struktur, Funktion, Denaturierung und Einnahme

Wang, et al., 2017

Lactoferrin ist seit dem 21. Jahrhundert mehr und mehr für seine vielfach, positiven Effekte bekannt. Von Eisenstatus-Regulation im Körper, über antikarzinogene Wirkungen, bis hin zu antibakteriellen, probiotischen und antiviralen Eigenschaften wurde Lactoferrin inzwischen die letzten Jahre sehr genau unter die wissenschaftliche Lupe genommen. Ein Thema wurde jedoch kaum betrachtet: Wann sollte man Lactoferrin bezüglich der Tageszeit und dem Mahlzeitentiming am besten einnehmen? Alleine unser Magen – ein aggressives Säurebecken mit einem pH-Wert von bis zu 1,5 – ist ein Spezialist darin, Proteine mit seinen Enzymen zu spalten und sowohl Nahrung, als auch Bakterien zu zerlegen. Schade, wenn alleine dadurch Lactoferrin seine volle Wirkung im Darm nicht erreichen würde. Macht es also Sinn, Lactoferrin auf nüchternen Magen einzunehmen, damit es schnell im Darm ankommt oder steckt mehr hinter diesem interessanten Glykoprotein? Wang, et al. hatten in dieser Hinsicht September 2017 unter Betrachtung vieler vorliegenden Daten Lactoferrin auf die Finger geschaut. Mit guten und einfach umsetzbaren Empfehlungen für Therapeuten und Konsumenten.

Auf der einen Seite spielen pH-Wert, Temperatur, Verarbeitungart/-zeit und Lagerungsdauer bei der Produktion eine Rolle. Für den Verdauungsweg jedoch ist insbesondere der pH-Wert wichtig und natürlich die Frage, wie lange wir einen Stoff einem Zustand ausliefern. Wird Lactoferrin einem sehr sauren Milieu ausgesetzt, wird durch eine Veränderung seiner Struktur seine Aktivität verändert. Die Magenpassage ist hier das Nadelöhr. Zusätzlich gibt es auch den Faktor der inneren Stabilität von Stoffen. Abhängig davon, wie stabil eine Verbindung ist, kann sie mehr oder weniger äußeren Einflüssen widerstehen.

So wurde bei Lactoferrin festgestellt, dass durch eine höhere Sättigung von Lactoferrin mit Eisen (Beispiel: Holo-Lactoferrin), die Struktur kompakter und das Molekül dadurch stabiler blieb. Ausreichend war es zwar nicht, um dem Magen vollends zu widerstehen, doch erreichten dadurch statt den durchschnittlichen 60% von natürlichem bovinen Lactoferrin (d.h. Lacotoferrin in Lebensmitteln) ganze 80% den Darm. Bei Versuchen mit Menschen zeigte sich, unter Umständen abhängig vom Alter, eine unterschiedliche Aufnahme von Lactoferrin im Körper [1,2,3]. Während vor allem bei Kindern die Aufnahme sehr effektiv zu funktionieren scheint, wurde bei Studien mit zunehmendem Alter die Aufnahme schlechter. Bei Personen im Alter von etwa 21 Jahren erzielte man Werte von etwa 60% und mehr, während bei älteren Menschen (40 Jahre und älter) Lactoferrin zum Teil komplett im Magen denaturiert wurde. Ganz aussagekräftig ist das jedoch vermutlich nicht. Zwar ist der Verdauungsweg von Kleinkindern sicherlich nicht so weit entwickelt wie bei Erwachsenen (weniger starke Magensäure und schnellere Passage durch den Magen und das Verdauungssystem), doch wäre es ebenfalls möglich, dass ein Großteil des aufgenommenen Lactoferrin bereits im Darm von älteren Personen für antibakterielle und antientzündliche Prozesse vom Körper verwendet wurde, bevor sie es resorbieren konnten. Ebenso wurden bei den jeweiligen Studien unterschiedliche Formen von Lactoferrin verwendet (Apo-, Holo-, bovines Lactoferrin), was sowohl Stabilität, als auch Wirkung beeinflusst. Viele „in vitro“ Studien weisen jedoch darauf hin, dass Lactoferrin unter magenhaften Zuständen (bei sehr niedrigem pH-Wert und unter dem Einfluss abbauender Enzyme) durchaus irreversibel denaturieren und damit insbesondere seine eisenbindenden Eigenschaften verlieren kann. Wie kann man so etwas also umgehen?

Während Lebensmittel wie hochwertige Milch- oder Molkeprodukte noch Lactoferrin als Bestandteil besitzen, wird es als Nahrungsergänzungsmittel in der Regel in Kapselform verabreicht. Wang, et al. hatten neben einer hohen Eisensättigung zwei weitere Methoden untersucht, die Lactoferrin effektiv bei der Magenpassage helfen. Heraus kam, dass sowohl die Verabreichung als Kapsel, als auch eine Bindung an Polyethylenglykol Lactoferrin mit einer Effizienz von bis zu 100% vor der Zersetzung im Magen schützen konnte.

Ein weiterer wichtiger und selten angesprochener Aspekt von Lactoferrin ist, dass die abgespaltenen Bestandteile sehr hilfreich sind. Würde man von einer durchschnittlichen Aufnahme von Lactoferrin ausgehen, wären etwa 40% des eingenommenen Lactoferrins zum Teil gespalten in Stoffe wie Lactoferrampin und Lactoferricin [4,5]. Beide Abbauprodukte wirken dabei stark antibakteriell und können so wie Lactoferrin beispielsweise bei einer Darmsanierung sinnvolle Unterstützung leisten. Während also ein Teil der eisenbindenden Fähigkeiten durch einen längeren Aufenthalt im Magen verloren gehen kann, sind durch die Verarbeitung im Magen sogar potentiell synergistische Effekte zu erwarten – abhängig auch davon, was man mit Lactoferrin erreichen möchte.

Durch die von Wang, et al. dargestellten Daten lässt sich ebenfalls vermuten, dass man die Wirkung von Lactoferrin zumindest zum Teil durch die Aufnahme steuern kann. Während durch eine partielle Zersetzung von Lactoferrin stark antibakteriell wirkende Zwischenprodukte wie Lactoferrampin und Lactoferricin entstehen können, wurde ebenfalls festgestellt, dass ab einem pH-Wert unter 7 Lactoferrin vermehrt beginnt, Eisen freizusetzen [6]. Dadurch wäre es denkbar, dass Ergebnisse bezüglich Eisenhaushalt davon abhängig sein können, wie schnell und sicher man Lactoferrin durch einen (nüchternen) Magen passieren lassen kann. Außerdem ist Lactoferrin selbst verantwortlich für die Regulation des Eisenhaushaltes und nicht seine Abbauprodukte. Daher wäre für die Regulierung der eigenen Eisenspeicher möglichst viel intaktes Lactoferrin wünschenswerter.

Wie in diesem Artikel über Omega-3-Fettsäuren bereits beschrieben, können auch circadiane Rhythmik, eine damit am Tag wechselnde Aktivität unserer Verdauungsorgane und auch ein stressbedingter aufgeregter oder entspannter Zustand möglicherweise die Aufnahme von Nahrungsergänzungsmitteln wie Lactoferrin verbessern oder reduzieren. Da die Bauchspeicheldrüse und andere Verdauungsorgane morgens und mittags zu einer höheren Aktivität neigen, kann man vermuten, dass eine Einnahme zu dieser Zeit sinnvoller ist.

Lactoferrin Verdauung

Zusammenfassung:

Lactoferrin in Kapselform ist weitestgehend stabil und kann durch seine Verpackung (Kapsel) den Einflüssen von Verdauungsenzymen und pH-Wert im Magen recht gut widerstehen. Während man durch die Arbeit von Wang, et al. und circadiane Einflüsse vermuten kann, dass eine Einnahme am Morgen nüchtern (für einen Schwerpunkt auf Eisenhaushalt) oder mit einer Mahlzeit (für einen Schwerpunkt auf bakteriostatische Wirkungen) am sinnvollsten ist, scheinen solche Faktoren keine so große Rolle zu spielen, wie der Schutz durch eine Kapsel beispielsweise. Selbst bei einer partiellen Zersetzung, können die Bestandteile von Lactoferrin durchaus positive Effekte haben. Anders wäre es bei flüssigen Mitteln, die mit Lactoferrin angereichert sind, da hier Lactoferrin in der Regel keinen ausreichenden Säurepuffer besitzt.

Nicht zuletzt spielen persönliche Umstände ebenfalls eine Rolle. Geht man am Abend auswärts essen, könnte man Lactoferrin aufgrund seiner antibakteriellen Wirkung verwenden, um einen empfindliche Darm ein wenig zu unterstützen. Ob es allerdings vor einem Kater am nächsten Morgen schützen kann, ist schwer zu sagen bzw. noch nicht erforscht.

Quellenangabe:

  1. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/m/pubmed/12221215/
  2. http://jn.nutrition.org/content/131/8/2101.full
  3. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/19363798
  4. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/1599934
  5. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/1490908
  6. http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/prot.25004/abstract

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